Betriebschronik: Der Weg zum Ökologischen Weingut Johannes Kiefer
Wie alles begann – Ein persönlicher Rückblick auf unser Handwerk am Kaiserstuhl
Von Johannes Kiefer
Januar / Februar 2007: Der Ursprung im Pfaffental
Der Grundstein für das Ökologische Weingut Johannes Kiefer wurde auf gerade einmal 4,5 Ar (450 m²) gelegt. Es waren Reben der Sorte Blauer Spätburgunder, die bereits seit 1966 im Boden standen. Mein damaliger Vermieter bot mir das Stück zur Bewirtschaftung an, da er selbst Schwierigkeiten mit der Pflege hatte.
Seither ist das Pfaffental, eine besondere Lage in Eichstetten am Kaiserstuhl, das Herzstück meiner Arbeit. Zu Beginn standen mir keinerlei Maschinen zur Verfügung. Mit Hacke, Spaten und Handsichel wurde jeder Stock in mühevoller Handarbeit gepflegt. Diese Zeit hat mein Verständnis für die Reben und die notwendige Hingabe zum Handwerk massiv geprägt.
23.07.2007: Die offizielle Geburtsstunde
"Johannes, wie viel Geld brauchst du denn dafür?"
Als Barbara mich fragte, ob ich ein eigenes Weingut gründen möchte, war meine Antwort ein klares Ja. Auf ihre Frage nach dem Startkapital schätzte ich damals noch recht optimistisch: „Ich denke, 1.000 € müssten erst einmal reichen.“
Schnell wurde klar, dass diese Summe kaum die ersten Schritte decken würde. Jeder verfügbare Cent wurde sofort in den Aufbau gesteckt. Am 23. Juli 2007 war es dann offiziell: Die Post vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg traf ein – inklusive der Betriebsnummer. Das Weingut Johannes Kiefer war damit formell gegründet und bereit für das erste eigene Weinjahr.
Oktober 2007: Die erste Ernte
Im Herbst 2007 war es endlich so weit: Die erste eigene Ernte stand an. Parallel dazu floss jeder mühsam gesparte Euro direkt in die kellerwirtschaftliche Ausstattung. Die ursprünglich geplanten 1.000 € waren für die notwendige Technik im Weinkeller natürlich im Nu aufgebraucht.
Es war eine Zeit des Improvisierens und des Lernens. Das Bild (links/oben) zeigt die bescheidenen, aber stolzen Anfänge meines Weinkellers im Gründungsjahr. Hier wurde der Grundstein für den Ausbau meiner ersten eigenen Weine im Weingut Johannes Kiefer gelegt.
Frühjahr 2007: Erhalt der alten Reben
Die über 40 Jahre alten Spätburgunder-Reben im Pfaffental brauchten dringend Halt. Nach 42 Jahren war der ursprüngliche Drahtrahmen am Zusammenbrechen. Während der Eigentümer bereits vermutete, dass ich die Reben roden und das Gelände in ein Freizeitgrundstück umwandeln würde, hatte ich andere Pläne.
Ich entschied mich für den mühsamen Wiederaufbau: Der alte Rahmen wurde abgebaut und durch einen neuen ersetzt. Damit war klar: Wir setzen auf Beständigkeit und den Wert alter Rebstöcke statt auf den schnellen Weg der Rodung. Ein hartes Stück Arbeit, das sich in der Qualität der späteren Weine auszahlen sollte.
Sommer 2008: Erste Technik & Lerneffekte
Meinen ersten selbst erstellten Drahtrahmen werde ich nie vergessen – er war rückblickend sicher „optimierungsfähig“, erfüllte aber seinen Zweck. Die Heftarbeiten im Sommer gingen dadurch wesentlich leichter von der Hand. Es war das Jahr, in dem wir technisch aufrüsteten, wenn auch in kleinen Schritten.
Eine der ersten großen Investitionen war ein rückentragbares Sprühgerät mit Gebläse-Unterstützung. Damit war es mir möglich, die Reben gezielt mit Pflanzenstärkungsmitteln zu behandeln und sie gegen Krankheiten zu unterstützen. Ein wichtiger Schritt, um die Gesundheit der Stöcke mit dem eigenen Anspruch an die Qualität zu vereinen.
2009: Das große Umdenken
Das Jahr 2009 markierte einen Wendepunkt im Weingut Johannes Kiefer. Wir trafen die Entscheidung, unsere Weine so umweltverträglich und schonend wie nur möglich an- und auszubauen. Es war der Beginn eines jahrelangen, oft mühevollen Prozesses des Ausprobierens und Lernens.
Unser Ziel: Den Pflanzenschutz so umzustellen, dass die Rebe wieder lernt, aus eigener Kraft mit Krankheiten zurechtzukommen. Da dies nur auf einem gesunden Fundament funktioniert, begannen wir mit der Sanierung unserer Böden. Durch gezielte Einsaaten haben wir das Bodenleben reaktiviert und setzen seither konsequent auf organische Dünger. Ein ganzheitlicher Ansatz, der die Basis für alles Weitere bildete.
Anfang 2010: Wachstum & neue Wege
Nachdem wir 2009 in den Eichstetter Lagen „Eichenlaub“ und „Mahlkinzig“ erste Flächen hinzugewonnen hatten, folgte 2010 der nächste Schritt: Wir fassten erstmalig weinbaulichen Fuß in der Gemarkung Bahlingen am Kaiserstuhl. Dass dieser Nachbarort einmal eine zentrale Rolle für uns spielen würde, war uns damals noch nicht bewusst.
Mit mittlerweile 0,4 Hektar (4.000 m²) bewirtschafteter Rebfläche wuchs auch unser Sortenspektrum: Neben dem Spätburgunder bereicherte nun auch der Müller-Thurgau unser Portfolio. Ein kleiner, aber stolzer Zuwachs, der uns in unserer Vision bestärkte.
Mai 2010: Ein Jahr wie Weihnachten
Was ist ein Winzer im 21. Jahrhundert ohne Traktor? Nach den Jahren der reinen Handarbeit fühlte sich dieser Moment wie ein riesiger Sprung an. Ein Glücksfall bescherte uns die erste motorisierte Unterstützung:
Ein Schanzlin Gigant 300A aus dem Jahr 1973 mit stolzen 30 PS. Auch wenn er bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hatte, war dieser Schmalspurtraktor für uns der Schlüssel, um die Bewirtschaftung effizienter zu gestalten und den Betrieb weiter voranzubringen.
Mai 2010: Technische Erleichterung
Mit der Übernahme weiterer Rebstücke boten mir die bisherigen Eigentümer, welche den Weinbau aus Altersgründen aufgaben, auch ihre Technik zum Kauf an. Da ich den Betrieb zu diesem Zeitpunkt noch im Nebenerwerb führte, war mir jede Mechanisierung willkommen.
Eine deutliche Erleichterung für meine tägliche Arbeit war eine kleine, selbstfahrende Spritze – der Solo Minor. Diese Investition half mir massiv dabei, die steigenden Anforderungen an die Pflege meiner wachsenden Rebflächen effizienter zu bewältigen.
August 2010: Der Durchbruch
Die Umstellung meiner Bewirtschaftung – weg vom Konventionellen, hin zu einem nachhaltigen, naturbewussten und pflanzenstärkenden Weg – brachte zunächst viele Rückschläge und Momente der Verzweiflung mit sich. Es war ein riskanter Lernprozess.
Doch dann stellten sich die ersten Erfolge ein: Durch den gezielten Einsatz von schwefelsaurer Tonerde sowie Auszügen aus Ackerschachtelhalm und Braunalgen zeigte sich eine positive Richtung. Meine Reben wurden widerstandsfähiger.
Ab diesem Zeitpunkt konnte ich stabile Ernten einfahren, deren Erträge sich qualitativ im Premiumbereich der Weinerzeugung bewegten. Ein entscheidender Moment, der bewies, dass mein Weg der Pflanzenstärkung funktioniert.
August 2012: Mechanische Unterstockpflege
Zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung gehört für mich untrennbar der Verzicht auf chemische Helfer bei der Unterstockpflege. Den Bereich unter den Weinstöcken hielt ich bis dahin mühsam mit Hacke und Motorsense frei.
Um hier Erleichterung zu schaffen, kam ein technischer Helfer hinzu: Ein Gerät mit Scheiben, die im 45°-Winkel zur Fahrtrichtung den Oberboden anreißen und verlagern. Im Idealfall trocknet der Bewuchs dadurch einfach ein. Ein wichtiger Schritt, um die Bodenstruktur zu schonen und gleichzeitig ohne Herbizide zu arbeiten.
März 2014: Das erste eigene Land
Fast ohne Hoffnung meldete ich mich auf eine Zeitungsanzeige, in der Rebgrundstücke zum Verkauf angeboten wurden. Die typischen, großen Weinlagen reizten mich nicht – sie waren mir zu unpersönlich und schlicht zu teuer.
Doch bei einem speziellen Stück bekamen wir sofort große Augen: eine schmale Terrasse mit Ostausrichtung. Ein echtes Kleinod, das zudem günstiger war, als ich gedacht hätte. Nach einem schnellen Kassensturz zu Hause griffen wir zu und kauften unser erstes eigenes Land – das Hundsrück mit 15 Ar (1.500 m²). Ein kleiner, aber bedeutender Grundstein für die Zukunft meines Weinguts.
April 2014: Wachstum im Nebenerwerb
Mein Betrieb wuchs stetig weiter. Mittlerweile bewirtschaftete ich ca. 2 Hektar (20.000 m²) Rebfläche. Da ich das Weingut zu diesem Zeitpunkt immer noch im Nebenerwerb führte und gleichzeitig in Vollzeit als angestellter Winzer tätig war, stieß ich zeitlich an meine Grenzen.
Um die Arbeit im Weinberg effizienter zu gestalten, investierte ich in eine gebrauchte Anhängespritze für meinen Traktor. Diese technische Aufrüstung war notwendig, um den Spagat zwischen Anstellung und dem Aufbau meines eigenen Weinguts erfolgreich zu meistern.
Juli 2014: Ungeplante Investition & neue Kraft
Mein alter Schanzlin stieß mit zunehmendem Alter und der wachsenden Rebfläche an seine Grenzen. Als schließlich die Kupplung versagte, musste ich schnell und ungeplant für Ersatz sorgen.
Durch eine glückliche Fügung des Schicksals stand plötzlich ein Krieger KS50A auf dem Hof. Mit drei Zylindern und 50 PS Motorleistung war er den neuen Herausforderungen deutlich besser gewachsen. Wie auf dem Bild zu sehen, bekam ich damals zudem unerwartete Unterstützung durch einen jungen, fleißigen Traktorfahrer – auch wenn die tatsächliche Arbeitsleistung manchmal noch etwas steigerungsfähig war.
Spätjahr 2014: Projekt „BioTop-Weinbau“ – Das Eck
Eigentlich wollte ich nur einen Anlieger fragen, ob ich einen Weg mitnutzen darf, da mir ein weiteres Rebstück angeboten wurde. Den Weg durfte ich zwar nicht nutzen, aber das angrenzende Grundstück mit über einem Hektar Fläche kaufen. Nach langem Überlegen entschieden wir uns für dieses Projekt, dessen Ausmaß wir uns damals in jeglicher Hinsicht nicht vorstellen konnten.
In den folgenden Jahren konnte ich dieses Kleinod, unser „Eck“, durch Kauf und Pacht angrenzender Flächen stetig erweitern. Mein Sortenspektrum wuchs mit: Neben Spätburgunder und Müller-Thurgau kamen nun auch Weißburgunder und Grauburgunder hinzu. Damit erreichte ich eine bewirtschaftete Fläche von 3 Hektar (30.000 m²).
Heute blicke ich mit Stolz auf das Projekt BioTop-Weinbau. Es hat sich zu einem wahren Rückzugsort mit enormem Potenzial für die Bewohner unserer Kulturlandschaft entwickelt – ein lebendiger Beweis für die Symbiose aus Weinbau und Naturschutz. Bis heute ist dieses Stück Land das Herzstück meines Weinguts und bei den Besuchern meiner Weinbergführungen ein echtes Highlight. Ein kleines Stück „Paradies auf Erden“.
2015: Der Sprung in die volle Selbstständigkeit
Das Jahr 2015 markierte den wohl mutigsten Schritt meiner Reise: Ich kündigte mein Angestelltenverhältnis und wagte den Sprung in die volle Selbstständigkeit. Aus dem Nebenerwerb wurde meine Lebensaufgabe.
Parallel dazu trieb ich die Vision meines Weinguts voran. Das im Spätjahr 2014 erworbene Gelände machten wir wieder bewirtschaftbar – unterstützt durch wertvolle Tipps der unteren Naturschutzbehörde Emmendingen nach einer gemeinsamen Begehung. In diesem Zuge pflanzte ich meine ersten PIWI-Reben der Sorte Muscaris und gestaltete den Weinkeller grundlegend neu, um die Qualität weiter zu steigern.
Um meine Weine auch über die Region hinaus bekannt zu machen, folgten im Spätjahr der erste Online-Shop sowie mein offizieller Werbeauftritt. Ein Jahr voller Aufbruchstimmung und harter Arbeit, das das Fundament für alles Kommende legte.
2016: Ein Jahr, das mich forderte
Das „Eck“ – mein großer Talkessel mit seinen 12 Terrassen – wurde im April 2016 bestockt. Mit 2.000 Setzlingen war es das erste Mal, dass ich junge Reben in diesem Ausmaß pflanzte. Doch der Sommer 2016 wurde zur Zerreißprobe: Es war extrem nass. An maschinelle Arbeit im Weinberg war nicht zu denken, ohne die wertvolle Bodenstruktur zu zerstören.
Mit enormem Aufwand nutzte ich jede Regenpause, um die anfälligen Klassiker – Spät-, Grau-, Weißburgunder und Müller-Thurgau – mit Pflanzenstärkungsmitteln gesund zu erhalten. Die Logistik war eine Herausforderung: Anmischen in der großen Spritze, Ausbringen mit der kleinen, wendigen Solo Minor. Trotz der guten Ernteergebnisse wurde mir klar: Dieser Kampf gegen die Natur kann keine dauerhafte Lösung sein.
Der konsequente Wendepunkt
Ich fasste einen weitreichenden Entschluss: Alle klassischen Rebsorten sollten Stück für Stück gerodet und durch neue, pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWIs) ersetzt werden. Ein heikles Vorhaben, da diese Weine damals noch völlig unterschätzt und oft verpönt waren. Ich blieb konsequent: Sogar die erst 2016 gepflanzten Auxerrois wurden 2018 wieder gerodet, um Platz für die Zukunft zu machen.
Zu meinem neuen Portfolio gehörten ab jetzt neben Muscaris auch Souvignier Gris und Cabernet Cantor. Ein mutiger Neuanfang für eine nachhaltige Zukunft.
2017: Freude und die Kraft der Natur
Im April pflanzte ich voller Motivation und Zuversicht eine weitere PIWI-Sorte: Solaris. Eine vielversprechende Rebsorte mit feinem Fruchtbukett, die für mich als Garant für hochwertige Süßweine steht.
Mitte April zeigte die Natur jedoch ihre unberechenbare Seite: In einer klaren Nacht sank die Temperatur deutlich unter -2°C. Die Vegetation war durch den milden Winter bereits weit fortgeschritten – ein kritischer Moment für den frühen Austrieb. Doch genau das macht meinen Beruf so spannend: das Leben mit und in der Natur.
Trotz der Sorge um die jungen Triebe wurde ich im Laufe des Jahres eines Besseren belehrt und durfte letztlich eine traumhafte Ernte einfahren. Es war eine wertvolle Lektion über die Widerstandsfähigkeit der Reben und den Umgang mit den Herausforderungen des Klimawandels.
2018: Der radikale Fokus auf PIWIs
Anfang 2018 erweiterte ich mein Sortenspektrum um zwei weitere innovative Rebsorten: Johanniter und Helios.
Gleichzeitig war es ein Jahr des Abschieds: Ende 2018 erntete ich zum letzten Mal die Klassiker Spät-, Weiß- und Grauburgunder. Um Platz für die Zukunft zu schaffen, wurden diese Anlagen gerodet oder Pachtverträge beendet. Ab diesem Moment fokussierte ich mich zu 100 % auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten.
Besonders schwer fiel mir die Entscheidung, das liebgewonnene Pfaffental in Eichstetten aufzugeben – den Ort, an dem 2007 alles begann. Doch die Vernunft sagte: Um den Betrieb wirtschaftlich und zeitlich im Griff zu behalten, musste ich die Flächen arrondieren und mich von weit verstreuten Parzellen trennen. Ein schmerzhafter, aber notwendiger Schritt für die Professionalisierung meines Weinguts.
30.03.2019: Premiere auf dem Regionalmarkt
Im Jahr 2019 feierte der Kaiserstühler Regionalmarkt in Emmendingen Premiere – und ich war von Anfang an dabei. Die Empfehlung kam damals von Birgit Sütterlin vom Naturzentrum Kaiserstuhl, was perfekt zu meiner naturnahen Philosophie passte.
Es war ein besonderer Moment, da auch die Ölmühle Katharina Kiefer an unserem Gemeinschaftsstand ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte. Seither bieten wir dort jedes Jahr unsere Erzeugnisse nicht nur zum Verkauf, sondern auch zur Verkostung an. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, Bestandteil dieses einzigartigen Marktes zu sein.
Aktuelle Termine und Märkte, auf denen Sie mich und mein ökologisches Weingut persönlich treffen können, finden Sie in der Rubrik Termine.
Mitte April 2019: Die vorerst letzte Neupflanzung
Um mein Sortiment an charakterstarken Rotweinen abzurunden, pflanzte ich Mitte April die vorerst letzte neue Rebsorte: den roten PIWI-Vertreter Cabernet Cortis. Langfristig ist geplant, mein Rotwein-Cuvée Upupa Epops mit dieser Sorte noch komplexer und vielschichtiger zu gestalten.
Mit dieser würzigen und farbintensiven Sorte schloss ich die erste große Phase meiner Neuausrichtung ab. Mein Fokus lag nun voll und ganz darauf, diese jungen Anlagen nachhaltig zu pflegen und zur vollen Qualität zu führen.
2019: Ein besonderes Weingut im Fernsehen
Im zweiten Jahr in Folge bot ich nun über das Naturzentrum Kaiserstuhl Führungen durch meine Weinberge an. Das rege Interesse und die vielen Besucher bestätigten mir, dass mein Weg der naturnahen Bewirtschaftung die Menschen bewegt.
Im Sommer 2019 folgte dann ein überraschender Anruf: Im Auftrag des SWR-Fernsehens sollte ein Film über kleinbäuerliche und nachhaltige Landwirtschaft gedreht werden. Wir konnten unser Glück kaum fassen und sagten natürlich sofort zu. Erstmalig ausgestrahlt wurde die Dokumentation „Bauernwelten im Südwesten“ im Spätjahr 2019. Ein Meilenstein, der meine Vision vom BioTop-Weinbau einem breiten Publikum näher brachte.
12.07.2020: Das ökologische Weingut Johannes Kiefer
Im November 2019 traf ich nach langem Zögern die Entscheidung, die offizielle Bio-Zertifizierung einzuleiten. Zuvor hatte ich mich bewusst dagegen entschieden – unter anderem wegen des erlaubten Kupfereinsatzes im ökologischen Pflanzenschutz, den ich kritisch hinterfragte. Mit dem wachsenden Online-Erfolg wurde mir jedoch klar, dass ein offizielles Zertifikat die Kommunikation meiner Philosophie deutlich vereinfacht.
Normalerweise dauert die Umstellung drei Jahre. Da ich jedoch seit jeher nach strengen ökologischen Maßstäben arbeitete, stellte ich einen „Antrag auf rückwirkende Anerkennung“. Ein Gutachter prüfte meine gesamte Buchhaltung und die Bewirtschaftungsnachweise bis zurück zum 01.01.2017. Das Ergebnis war eindeutig: Die lückenlose biokonforme Bewirtschaftung wurde bestätigt.
Das Regierungspräsidium Karlsruhe folgte der Empfehlung des Gutachters und datierte die Anerkennung auf den 01.01.2017 zurück. So durfte ich bereits im Jahr 2020 meine ersten offiziell zertifizierten Bioweine ernten. Ein stolzer Moment, der meinen langjährigen Weg nun auch amtlich bestätigte.
2020: Lehrgeld und der erste Triumph beim Essig
Mitten im ersten Lockdown im April 2020 packte mich der Ehrgeiz für ein neues Handwerk: Das „Projekt Essig“. Mein Plan war ein Weißweinessig im klassischen Orleans-Verfahren. Doch der erste Versuch wurde ein totaler Reinfall – die Essigbakterien verweigerten die Arbeit.
Heute weiß ich: Ich hatte es zu gut gemeint. Der Grundwein hatte zu viel Alkohol und zu viel Schwefel (SO2), was die sensiblen Bakterien gar nicht mögen. Ich musste das Fass entsorgen und wertvolles „Lehrgeld“ zahlen.
Doch ich gab nicht auf. Im Herbst startete ich einen neuen Versuch mit Rotwein. Am 16.12.2020 war es schließlich so weit: Ich konnte die ersten Flaschen meines eigenen Rotweinessigs abfüllen. Kein Industrieprodukt, sondern echtes Handwerk. Dieser Moment der ersten Verkostung war unbezahlbar und ein wichtiger Schritt zur Vielfalt meines Weinguts.
20.03.2021: Premiere auf dem Samstagsmarkt
Im März 2021 startete ich mein nächstes großes Abenteuer: meinen ersten regelmäßigen Stand auf dem Wochenmarkt in Emmendingen. Von nun an hieß es jeden Samstag: Präsenz zeigen auf dem historischen Marktplatz.
Gleich der erste Markttag forderte mich heraus, denn es war Wind mit Stärke 5 bis 6 angesagt. Meinen ersten Marktstand musste ich zuvor erst mühsam vor dem Haus „entwickeln“ und testen, damit alles stabil blieb – wie man auf den Bildern in meiner Chronik gut sehen kann.
Die Mühe lohnte sich: Kurze Zeit später wurde ich sogar im Amtsblatt der Stadt Emmendingen offiziell als neuer Beschicker des Samstagsmarkts im Stadtzentrum begrüßt. Ein schönes Zeichen der Anerkennung für mein ökologisches Weingut in der Region.
2021: Innovative Wege in der Essigfermentation
Nach den ersten Erfolgen stand das Jahr 2021 im Zeichen der Prozessoptimierung. Um die Qualität meiner Essige weiter zu steigern, suchte ich nach Wegen, die Sauerstoffversorgung der Essigbakterien präziser zu steuern.
Ich entwickelte ein eigenes Belüftungsverfahren, bei dem ich gezielt feinperlige Luft in die offenen Tanks einleitete. Das Ziel war eine optimale Aktivität der Bakterien, ohne die flüchtigen Fruchtaromen zu verlieren. In dieser Phase nutzte ich noch eine klassische Cuvée aus Spätburgunder und Dakapo.
Diese Phase des Tüftelns war entscheidend, um die biologischen Abläufe im Keller besser zu verstehen. Es war der Grundstein für die heutige Präzision in meiner Essigmanufaktur.
22.09.2022: Wechsel auf den Freitagsmarkt
Um näher an meinen Kunden zu sein und die Frequenz eines lebendigen Markttages zu nutzen, traf ich im September 2022 eine strategische Entscheidung: Der Wechsel vom privat organisierten Samstagsmarkt auf den städtischen Freitagsmarkt in Emmendingen.
Der Freitagsmarkt auf dem Marktplatz ist ein Ort voller Vielfalt. Hier treffen konventionelle und bio-zertifizierte Erzeuger aufeinander – von regionalem Obst und Gemüse über Gewürze und Käse bis hin zu Fleisch- und Wurstwaren. Es ist diese Mischung und das breite Angebot, die den Markt so attraktiv machen.
Nach wie vor präsentieren wir uns dort mit einem Gemeinschaftsstand: Mein ökologisches Weingut und die Ölmühle Katharina Kiefer. Für mich ist dieser Markttag jede Woche aufs Neue eine wunderbare Gelegenheit für den direkten Austausch und persönliche Weinberatung inmitten der Stadt.
2022–2024: Synergie der Gewerke – Das Met-Projekt
Wir sind ein Familienbetrieb durch und durch – und manchmal schreibt die Natur das Rezept. Als ein Honig aus der Imkerei meiner Mutter, Barbara Kiefer, spontan zu gären begann, entschlossen wir uns gemeinsam zur handwerklichen Rettung dieses wertvollen Naturprodukts.
Ich vergor den Honig zunächst zu Met (Honigwein) und gab ihm fast ein dreiviertel Jahr Zeit zur Reife. Am 23. Mai 2024 startete schließlich die zweite Gärstufe zum Essig. Schon im Tank entfalteten sich faszinierende Aromen von Apfel- und Holunderblüte, gepaart mit einer herben Note von Tannenharz.
Das Ergebnis dieser Kooperation zwischen Imkerei und Weingut ist unser erster Met-Essig, den wir im Dezember 2024 abfüllen konnten. Ein echtes Gemeinschaftswerk.
August 2023: Premiere für den Verjus
Im August 2023 erweiterte ich mein Sortiment um ein echtes Naturprodukt mit Tradition: Meinen ersten Verjus.
Dabei handelt es sich um den Saft grüner, unreifer Keltertrauben. Mit seiner milden, feinen Säure ist er eine wunderbare histaminfreie Alternative zu Zitrone oder Essig in der gehobenen Küche. Die Herstellung ist für mich ein weiterer Schritt zu einer ganzheitlichen Nutzung meiner ökologisch angebauten Trauben. Eine Bereicherung für jeden Feinschmecker!
September 2023: Der eigene „Saftladen“
Schon lange träumte ich davon, meinen eigenen Apfelsaft herzustellen. Doch die Äpfel einfach nur zum Keltern und Abfüllen wegzugeben, entsprach nicht meinem Anspruch an echtes Handwerk. Ich wollte den gesamten Prozess selbst in der Hand haben.
Kurzerhand improvisierte ich aus vorhandenen Mitteln eine eigene Bag-in-Box-Füllstation. So kann ich garantieren, dass nur die beste Qualität meiner Streuobstwiesen direkt in die Box wandert. Ein purer, ehrlicher Saft – genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.
November 2023: Vitiforst – Weinbau der Zukunft
Der Klimawandel stellt uns vor große Fragen: Wie sieht die Zukunft im Weinberg aus? Meine Antwort darauf begann im November 2023 mit dem Projekt Vitiforst. Ich habe angefangen, großkronige Bäume direkt in meine Rebanlagen zu pflanzen.
Mein Ziel ist ein stabiles Ökosystem: Die Bäume spenden den Reben wertvollen Schatten, fördern die Artenvielfalt und machen die Lebensräume in meinen Bio-Weinbergen noch diverser.
Gleichzeitig schaffe ich die Basis für neue Spezialitäten: Aus den alten Apfel- und Birnensorten werden in Zukunft hochwertige Säfte, Essige und vielleicht sogar exklusive Fruchtweine entstehen. Ein Kreislauf, der Natur und Genuss perfekt verbindet.
Sommer 2024: Die Wildobst-Rettung
Die Natur hält sich an keine Pläne – sie schenkt uns manchmal mehr, als wir im ersten Moment verarbeiten können. Im Sommer 2024 hingen die Bäume unserer Region übervoll mit Myrobalanen (Wildpflaumen) und Ringlotten.
Eigentlich verarbeitet meine Schwester Katharina Kiefer diese Früchte in ihrer Ölmühle zu Fruchtaufstrichen, doch die Mengen waren schlichtweg zu groß. Um zu verhindern, dass dieses wunderbare Obst ungenutzt bleibt, haben wir es „gerettet“.
Wir haben die Früchte eingestampft und im klassischen offenen Maischegärverfahren zu Grundweinen vergoren. Aus dieser spontanen Aktion sind unsere vielleicht aromatischsten Fruchtessige entstanden – ein Beweis dafür, dass Flexibilität im Keller oft zu den besten Ergebnissen führt.
Weinlese 2024: Das ganze Jahr über „Herbst“
Ich bin ein großer Fan von frischem Traubensaft – und meine Experimentierfreude treibt mich immer wieder dazu an, neue Wege zu gehen. Warum sollte man das besondere Gefühl der Weinlese nur wenige Wochen im Jahr genießen können?
Im Herbst 2024 habe ich daher meine ersten eigenen Traubensäfte abgefüllt. Mein persönlicher Tipp für Genießer: Wer den Saft mit etwas Hefe gezielt angären lässt, kann sich jederzeit seinen eigenen „Neuen Süßen“ zaubern.
So holen wir uns das ganze Jahr über die besondere Atmosphäre des Herbstes ins Glas. Ob pur als fruchtiger Durstlöscher oder als Basis für den eigenen Federweißen – meine Säfte bringen die Vitalität der Kaiserstühler Weinberge direkt zu Ihnen nach Hause.
Anfang 2025: Vielfalt auf der neuen Streuobstwiese
Das Jahr 2025 beginnt mit einer wertvollen Erweiterung: Ich habe die Streuobstwiese meiner Schwester dazugepachtet. Durch ihre tiefere Lage ist sie besser mit Wasser versorgt – ein entscheidender Vorteil in Zeiten des Klimawandels.
Hier schaffe ich ein Refugium für bedrohte Sorten wie den Bittenfelder Sämling, Ontario und den Rheinischen Krummstiel. Besonders am Herzen liegt mir der Ulmer Polizeiapfel.
Fun Fact: Der Ulmer Polizeiapfel stammt aus dem badischen Ulm in der Ortenau. Er verdankt seinen Namen dem dortigen Polizeiwachtmeister Johannes Gauger, der diese Sorte Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte. Ein echtes Stück badische Obstgeschichte!
Um Lebensräume zu schaffen, aufzuwerten und zu erhalten, habe ich die Fläche mit einer gebietsheimischen Wiesenmischung von Rieger-Hofmann angesät. So fördern wir gezielt die lokale Insektenwelt.
Ergänzt wird diese Vielfalt durch botanische Besonderheiten wie Oliven, Kakis, Wollmispeln und hocharomatische Quittensorten wie die Krymska oder die intensiv parfümierte Limon Ayvasi. Eine Investition in ein resilientes Ökosystem und die Geschmackswelten von morgen.
März 2025: Das Pistazien-Wagnis – „Völlig unrentabel!“
Manchmal muss man gegen den Strom schwimmen, um Neues zu entdecken. Meine Recherche für das Projekt Vitiforst führte mich bis zu spezialisierten Baumschulen in Valencia. Ich wollte Pistazien an den Kaiserstuhl bringen. Die Antwort aus Spanien war jedoch alles andere als ermutigend:
„...ich habe die moralische Verpflichtung, Ihnen zu sagen, dass der Pistazienanbau in ganz Mitteleuropa völlig unrentabel ist und Sie Ihr Geld umsonst ausgeben werden. Die sommerliche Feuchtigkeit zusammen mit der Hitze ist der Schwachpunkt.“
Ich hatte das Projekt eigentlich schon abgeschrieben. Doch dann kam die Nachricht: „Wir verkaufen Ihnen die Bäume doch.“ Warum ich es trotzdem gewagt habe? Weil der Kaiserstuhl oft seine eigenen klimatischen Gesetze schreibt. Ob es funktioniert? Ich weiß es nicht – aber wer es nicht versucht, wird es nie erfahren. Heute stehen die ersten Pistazienbäume in meinen Reben und sorgen bei jedem Rundgang für Gesprächsstoff und ein Schmunzeln.
Frühjahr 2025: Vitiforst – Experimente und regionale Schätze
Mein Projekt Vitiforst wächst weit über den Weinbau hinaus. Ich setze auf eine Vielfalt, die den Klimawandel als Chance begreift: Verschiedene Feigensorten, Wildobst wie die Myrobalane oder die bei uns im alemannischen Raum liebevoll „Mellele“ genannten wilden Aprikosen.
Hinzu kommen alte Apfel- und Birnensorten, die das Landschaftsbild prägen. Mein Ziel ist eine intelligente Doppelnutzung: Die Bäume sorgen für moderate Beschattung und positive thermische Effekte im Weinberg. Die Früchte wiederum bilden die Basis für neue Spezialitäten wie Cidre, Säfte und Essige.
Besonders freue ich mich, dass diese Ernten auch den Weg in die Fruchtaufstriche der Ölmühle Katharina Kiefer finden. So schließt sich der Kreis unserer regionalen Manufakturen zu einem echten ökologischen Netzwerk.
2025: Der technologische Sprung zur Aroma-Präzision
Um die Qualität meiner Essige auf ein neues Niveau zu heben, habe ich zwei entscheidende Hebel angesetzt: Den Rohstoff und die Technik. Den Grundstein legte ich bereits 2023, indem ich die Qualität des Grundweins deutlich steigerte.
Für meinen Rotweinessig nutze ich seither mein hochwertiges Cuvée „Upupa Epops“. Die darin enthaltene PIWI-Rebsorte Cabernet Cantor bringt eine Farbtiefe und Würze mit, die dem Essig eine völlig neue Struktur verleiht. Es ist meine Philosophie, aus echten Spitzenweinen auch Spitzenessige zu machen.
Anfang 2025 vollzog ich schließlich den technologischen Wechsel vom offenen zum geschlossenen Submersverfahren. Während früher feine Aromen in den Raum verdunsteten, kondensieren die flüchtigen Fruchtester nun am gekühlten Tankdeckel und tropfen zurück in den Essig. Das Ergebnis ist eine unvergleichliche Dichte und Intensität, die die Seele der Frucht komplett im Glas bewahrt.
2025: Ausgezeichnet als Leuchtturm-Betrieb für Biodiversität
Ein Meilenstein für unser Weingut: Im Rahmen des Wettbewerbs „Höfe für biologische Vielfalt“ 2025 wurden wir offiziell als einer der Siegerbetriebe in Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Der Wettbewerb wurde vom Regierungspräsidium Freiburg ausgelobt und aus Mitteln des Sondervermögens zur Stärkung der biologischen Vielfalt des Landes Baden-Württemberg finanziert. Die Fachjury würdigte unser Weingut dabei als Leuchtturm-Betrieb, der eindrucksvoll zeigt, wie Biodiversität im Erwerbsweinbau wirtschaftlich und ökologisch erfolgreich Hand in Hand gehen kann.
Besonders hervorgehoben wurde unser ganzheitlicher Ansatz: Vom Schutz seltener Orchideen auf den Magerwiesen über die Offenhaltung von Lössböschungen als Bruthabitat für den Bienenfresser bis hin zur Förderung nützlicher Insekten direkt in unseren Rebgassen. Diese Anerkennung ist die Krönung unseres Weges, den wir 2014 eingeschlagen haben.